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30/12/2007

Lempels Besserwesserie

Lempels Besserwesserie

 

The Adviser Mag  -

 

 

Alle reden von Amerikanisierung der Welt und Al Quaida-Terror, aber der Untergang des Abendlandes ist selbstgemacht: F wie Frühstücksbuffet.

 

Ein Vorort im Londoner Süden in den Siebzigern. Der ohnehin knapp am Untergewicht operierende Austauschschüler nimmt noch einmal drei Kilo ab, weil es ihm einfach nicht gelingen will, allmorgendlich das gebotene reichhaltige Frühstück aus im Gasbackofen schwarz geröstetem Brot, ausgelassenem Speck und Ketchup ohne größere Probleme zu verdauen.

 


Lempels Besserwesserie

 

The Adviser Mag  -

 

 

Alle reden von Amerikanisierung der Welt und Al Quaida-Terror, aber der Untergang des Abendlandes ist selbstgemacht: F wie Frühstücksbuffet.

 

Ein Vorort im Londoner Süden in den Siebzigern. Der ohnehin knapp am Untergewicht operierende Austauschschüler nimmt noch einmal drei Kilo ab, weil es ihm einfach nicht gelingen will, allmorgendlich das gebotene reichhaltige Frühstück aus im Gasbackofen schwarz geröstetem Brot, ausgelassenem Speck und Ketchup ohne größere Probleme zu verdauen.

 

Fünfzehn Jahre später in einem kleinen Hotel zwischen der kretischen Autobahn und einem Mittelmeer, das anschaulich demonstriert, weshalb Odysseus solche Schwierigkeiten hatte, heile zwischen Skylla und Charybdis wieder nach Hause zu kommen. Drei junge, kräftige, aber etwas zerknittert aussehende Burschen schlurfen in den Frühstücksraum. Einer begibt sich missmutig zum „Frühstücksbuffet“, das ein nettes kretisches Mädel ganz stolz präsentiert, weil es entgegen der örtlichen Sitten neben Butter und Marmelade jene blassgelben, rinden- und geschmacksfreien Rechtecke im Angebot hat, die auch in den meisten deutschen Etablissements als „Käse“ verkauft werden

 

„Hams ka Wurscht?“ Das Mädchen spricht auch einigermaßen Englisch, aber dieses Idiom? Es zuckt freundlich lächelnd die Schultern und weist auf das reichhaltige Angebot. Wenige Minuten später kommt ein zweiter: „ Hams ka Mostert?“ - Hilfloses Lächeln, der junge Mann kratzt sein ganzes Englisch zusammen: „Mostert! Mustard! You know, mustard!“ Nein, wusste sie nicht.

 

Wieder fünfzehn Jahre später, im Herbst. Braun gebrannt und stolzgeschwellt berichten die Urlauber von der wunderbaren Hotelanlage in der Türkei / in Spanien / in Tunesien / auf den Kanaren / auf den Malediven / im Sauerland: „Und ein Frühstücksbuffet, unglaublich, so viel konnteste gar nicht essen, und das Rührei, immer frisch, und drei Sorten Müsli und Brötchen, so viel de wills. Na ja, was die eben so als Brötchen bezeichnen.“ Fehlt „ bloß noch die Aussischt op d'r Dom“.1

 

Wie froh war ich (trotz akuten Cholesterinschocks), als es mich wieder einmal auf die Inseln verschlug und das Bed and Breakfast mir weder Quark noch Müsli andienen wollte, sondern Rührei, gebackene Tomaten, Sausages, white und black pudding und gebratenen Speck. Ich hatte zwar immer noch bis zum Mittag dieses Völlegefühl, das auch die großflächigen Plakate „One egg a day is enough!“2 nur wenig minderten, aber ich hatte wenigstens das Gefühl, auf Reisen zu sein.

 

Ich weiß, der Wettbewerb ist hart. Wer für 60 € Fahrt mit Übernachtung nach Paris haben will, muss mit Automatenkaffee, Quadermarmelade und pappigem Baguette aus der Fabrik rechnen. Personal ist teuer, Verbrauchsmaterialien auch. Das ist die Anbieterseite, und die tut, wovon sie glaubt, der Kunde könne es wollen.

 

Und der (deutsche) Kunde will Käse zum Frühstück – und Wurscht – und von beidem möglichst viel. Beide Vorstellungen treiben dem Franzosen die Tränen in die Augen, zumal bei den Restverwertungsprodukten, die aus Kostengründen europaweit als Käse und Wurst deklariert werden. Weshalb kann der Frankreich-Reisende nicht einmal einige Tage mit einem Stückchen Baguette, einem Hörnchen mit Marmelade und einem großen Milchkaffee auszukommen? McDoof für den kleinen Hunger zwischendurch ist überall. Warum kann man sich nicht, auch wenn der Magen „Hilfe“ schreit, mal versuchsweise mit dem stärken, was die Briten für einen guten Start in den Tag halten? Bleibt doch im Sauerland, wenn ihr das nicht wollt, und lasst die Kanarischen Inseln in Frieden!

 

Und dann ist da noch der ganz persönliche Aspekt. Wenn ich mir schon den Luxus leiste, aushäusig zu frühstücken, dann möchte ich auch wirklich bedient werden, alles andere habe ich – besser – auch zu Hause. Ich will mich nicht als erstes zwischen der Schlange an den Thermoskannen und den drei Transusen, die unentschlossen, aber dauerhaft den Zugang zu Brot und Aufschnitt blockieren, entscheiden müssen. Ich möchte mich an einen schön gedeckten Tisch setzen, vielleicht noch gefragt werden, ob ich ein gekochtes Ei wünsche, und ansonsten ohne weitere geistige Anstrengung und tiefgehende schlangen- und sitzplatzstrategische Überlegungen das essen dürfen, was das Haus anbietet.

 

Da ist es mir dann ziemlich egal, ob's Brötchen, Würstchen oder Toast ist, Hauptsache, es gibt einen guten Kaffee und richtige Milch dazu (also nicht das eingedampfte Restverwertungsprodukt Nummer drei, bekannt unter Euphemismen wie „Kaffeesahne“). Ach ja, und bleibt mir bitte auch vom Leib mit diesem pseudogesunden Vogelfutter, das neudeutsch unter dem Etikett „Cerealien“ verkauft wird. Mein morgendlicher Magen hält viel aus, aber keine schwerstverdaulichen Körner, hochgradig verarbeitete Flocken und schon gar nicht die Säureattacken frischen Obstes.

 

Langer Rede kurzer Sinne: im Ökosystem Abendland in seiner kulinarischen Diversität steht eine weitere Spezies kurz vor dem Aussterben: Nicht nur, dass ich in allen shopping malls der Schengen-Zone und darüber hinaus die gleichen Klamotten in den Läden hängen habe, auch das Frühstück ist weitgehend globalisiert. Im verzweifelten Bemühen, die Wünsche aller fehl- und überernährten Europäer zu befriedigen, ist das qualitative Niveau kurz vor dem absoluten Nullpunkt angekommen, ist die Esskultur der Lebensmittelversorgung gewichen. Wie las ich letztlich an einem umgenutzten sächsischen Fabrikgebäude: Getränkeabholmarkt. In diesem Sinne: holen Sie sich Ihr Frühstück am Büffett ab!

 

1 Vor einiger Zeit lief (ich glaube in arte) ein Bericht über ein türkisches All-inclusive-Hotel („Herr Jevgenjev macht Ferien“ oder so ähnlich), dessen suffisant ironische Grundnote realsatirisch getoppt wurde durch die Klage einiger befragter deutscher Resturlauber, die vor allem bemängelten, dass diese rücksichtslosen und buffetsüchtigen Russen auch noch die Frechheit besäßen, die handtuchreservierten Liegestühle, für die sie extra um sechs aufgestanden seien, einfach zu belegen. So was! 2 Irische Anti-Cholesterol-Kampagne: Ein Ei am Tag ist genug.  www.rp-online.de

15:31 Publié dans Deutsh | Lien permanent | Commentaires (0)

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